Leben im Ausnahmezustand

Bild: Pablo Scapinachis Amstrong, 123rf.com

21.03.2020 Unser Alltag gerät aus den Fugen, die Wirtschaft ist im Sinkflug. Trotz allem ist die Katastrophe noch überschaubar.

Das Gesundheitsrisiko, sich mit Corona anzustecken, wird vom Robert-Koch-Institut mittlerweile als „Hoch“ eingestuft.i In Deutschland sind fast 20.000 Menschen infiziert. 67 Todesfälle meldet das Science Media Center Germany für den 20. März 2020.ii Modellrechnungen der Universität Basel sollen zeigen, wie sich die Krankheit bei unterschiedlich streng gehandhabten Maßnahmen ausbreiten kann: Je effizienter die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden soll, umso mehr restriktive Maßnahmen müssen greifen. Nur dann geht die Zahl der Neuinfektionen zurück, heißt es. Allerdings grassiert das Virus dafür insgesamt deutlich länger.iii

Auch wenn die Zahl der Infizierten noch steigt, so wird doch immer wieder vor unnötiger Panikmache gewarnt. Täglich sterben in Deutschland 2500 Menschen – zumeist an anderen Krankheiten und Ursachen, erklärt Hendrik Streeck, Virologe am Universitätsklinikum Bochum im Interview mit der FAZ.iv

Viren können nur unter kühlen und trockenen Bedingungen länger auf Oberflächen überleben. Weil die Luft in Gebäuden und draußen deutlich trockener ist, treten die Grippe-Epidemien meist im Winter auf. Je länger die Tage werden, um so höher ist der Sonnenstand, und umso mehr UV-Licht strahlt auf die Erde, das Viren abtötet. Vor diesem Hintergrund rät der Virologe Martin Stürmer zu viel Bewegung an der frischen Luft.v Er hofft, dass die Zahl der Infizierten mit beginnendem Sommer abnimmt. Ein guter Zeitpunkt für einsame Wanderung, jedenfalls überall dort, wo noch keine Ausgangssperren verhängt sind.vi Laufen ist gesund, regt den Kreislauf an und stärkt Immunssystem und Gesundheit, ähnlich wie eine einsame Radtour.

In der übrigen Zeit kann man zu Hause über Fernsehen, Radio, Internet die neuesten Nachrichten über Corona in Erfahrung bringen oder über Whats App und Telefon den Kontakt zu Freunden und Bekannten halten. Oder eben ein Buch lesen oder Liegengebliebenes abarbeiten. Wir sollen die Möglichkeit einer „positiven Stilllegung“ nutzen, rät der Psychologe Stephan Grünewald und meint Gärtnern, Lesen, Wandern, Zeit mit der Familie verbringen – als „Nährboden für Kreativität“.vii Und: Die Welt geht nicht unter, wenn man mal eine Reise weniger macht.

Deutsche Touristen wollen nach Hause
Ob in Ägypten, Marokko, Tunesien, Argentinien, Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Peru oder den Philippinen – etwa 100.00 deutsche Urlauber sitzen aktuell wegen Reisebeschränkungen im Ausland fest. Mit vom Auswärtigen Amt gecharterten Maschinen sollen sie nach Hause geholt werden. Es soll die größte Rückholaktion in der Geschichte Deutschlands werden. Dafür will Außenminister Heiko Maas bis zu 50 Millionen Euro locker machen.viii

So unangenehm, wie das für die Betroffenen ist – die meisten von ihnen sind gut untergebracht und mit Lebensmitteln versorgt. Und sie gehören zu dem glücklichen Teil der Menschheit, der mit deutschem Pass und Billigflügen in ferne Länder reisen kann. Für Deutsche gehört der jährliche Urlaub im Ausland einfach zum Leben mit dazu. Nicht jeder Mensch auf der Welt kann das von sich behaupten. Jetzt wäre ein gute Zeitpunkt, das Selbstverständliche daran zu hinterfragen – gerade im Hinblick auf Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit.

Immerhin hat sich in Regierungskreisen die Erkenntnis durchgesetzt, dass gigantomane Militärübungen momentan fehl am Platz sind: Defender Europe 2020 war als eine der größten Verlegeübung der US-Streitkräfte mit insgesamt 37.000 Teilnehmenden geplant. Rund 20.000 amerikanische Soldaten werden nun wieder nach Hause geschickt.ix Was die Friedensbewegung jahrzehntelang nicht geschafft hat, erledigt nun ein kleines Virus.

Rezession nimmt ihren Lauf
Überall werden Mitarbeiter nach Hause geschickt – auch in der Autoindustrie. Lieferketten von Auto-Zubehör kommen ins Stocken. Konzernchefs treibt die Sorge um, dass die Nachfrage nach Auto zurückgehen könnte.x Was, wenn niemand mehr Autos kauft? Die Folgen für die Wirtschaft wären kaum auszudenken. So sehr wir uns über saubere Luft freuen, die weniger Flug- und Autoverkehr mit sich bringt, wir hätten doch lieber reibungslose grenzübergreifende Warenströme, garantieren sie doch Wachstum und Arbeitsplätze. Ohne sie brechen Konjunktur und Aktienkurse einfach zusammenxi.

Auch in der Landwirschaft kündigen sich erste Probleme an: So kamen innerhalb der EU jedes Jahr tausende Menschen ins Land, die für wenig Geld Knochenarbeit auf deutschen Äckern verrichteten. Nun stehen die ersten Ernten von Rhabarber oder Spargel an. Doch Saisonarbeiter aus Osteuropa wollen oder können nicht mehr ins Landxii. Aus diesem Grund brachte Julia Klöckner den Vorschlag ein, Mitarbeiter in der Gastronomie, die wegen Schließung ihrer Betriebe ohnehin nichts zu tun haben, in der Spargel-Ernte einzusetzen.

Im Prinzip ist die Idee nicht dumm. Leute, die bisher nie in der Landwirtschaft gearbeitet haben, hätten endlich Gelegenheit zu erfahren, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie produziert werden und wieviel Arbeit in ihnen steckt. Das Problem ist: Osteuropäische Arbeiter gaben sich bisher mit geringen Löhnen zufrieden, weil es ein hohes Kaufkraftgefälle zwischen Deutschland und ihren Heimatländern gab. Dieser Vorteil entfällt bei deutschen Arbeitskräften, die sich strikt verweigern werden, sich für dieselben Niedriglöhne abzurackern. Hinzu kommt, dass einheimische Arbeitskräfte im Spargelernten relativ ungeübt sind.

Es herrscht keine wirkliche Not
Seit Tagen schließen mehr und mehr Geschäfte, Kneipen und Restaurants in den Innenstädten. Auch wenn viele Menschen Vorräte hamstern und das öffentliche Leben zunehmend eingeschränkt ist.xiii Wir müssen nicht hungern, überall gibt es zuverlässig Strom, wenigstens in den meisten Haushalten. Und wo er nicht wegen Personalmangel ausgefallen ist, funktioniert der öffentliche Nahverkehr, wenn auch sparsam und mit strengen Verhaltensmaßregeln für Fahrgäste.

Nicht alle Unternehmer und Beschäftigten können die Situation mit Home Office überbrücken. Was ist mit den Künstlern und Selbständigen, deren Verdienst ausfällt, weil Veranstaltungen abgesagt werden?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen hätte die Betreffenden finanziell abfedern können. Aber soweit sind wir noch nicht. Zu groß sind die Bedenken im Hinblick auf Finanzierung und die Frage, was Menschen mit sich und ihrer Zeit anfangen sollen, wenn sie plötzlich für ihr Geld nicht mehr arbeiten müssen. Mit ganz ähnlichen Fragen sind wir in diesen Tagen bereits konfrontiert.

Nach der Krise ist vor der Krise
Auf Spargel und Rhabarber können wir zur Not verzichten. Allerdings fehlt es nicht nur Gemüsebetrieben, sondern auch Kräuter- oder Obstanbau an Arbeitskräften. Da tun sich ganz grundsätzliche Fragen auf: Sind wir überhaupt in der Lage, ohne Hilfe aus dem Ausland zurecht zu kommen?

Wie resilient ist eigentlich unser spätkapitalistisches Wirtschaftssystem? Nach dem Ende der Corona-Pandemie werde „viel Energie, Geld und Kraft dafür verwendet, die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen“, glaubt Jakob Graichen vom Öko-Institut. Diese Gelder stehen dann dem Klimaschutz nicht zur Verfügung. Auch die in der Krise eingesparten Treibhausgas-Emissionen werden vermutlich bald wieder das übliche Niveau erreichen.xiv Unterdessen kündigt sich die nächste Krise an: Experten warnen vor einem weiteren trockenen Sommer mit Rekordhitze in ganz Europa.xv Bewahrheiten sich die Prognosen, könnte dies die Corona-Krise rückblickend wie einen entspannten Urlaub aussehen lassen.

21.03.2020 Susanne Aigner

Quellen:

i https://www.tagesschau.de/inland/coronavirus-deutschland-rki-101.html

ii https://www.sciencemediacenter.de/fileadmin//user_upload/Aussendungen_PDF_Anhaenge/Corona_daily_report.pdf

iii https://kurzelinks.de/by11

iv https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/virologe-hendrik-streeck-ueber-corona-neue-symptome-entdeckt-16681450-p2.htm

v https://www.swr.de/swraktuell/radio/im-gespraech/bewegung-im-freien-was-man-trotz-corona-noch-draussen-tun-darf-100.html

vi https://www.tagesschau.de/inland/corona-massnahmen-laender-101.html

vii https://www.welt.de/regionales/nrw/article206532119/Psychologe-ueber-Coronavirus-Die-Welt-geht-nicht-unter-wenn-wir-eine-Reise-weniger-machen.html

viii https://www.sueddeutsche.de/reise/corona-reisen-auswaertiges-amt-reise-rueckholaktion-deutsche-ausreise-heimreise-1.4848700

ix https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Coronavirus-Bundeswehr-beendet-Defender-Europe-2020,defender114.html

x https://www.tagesschau.de/wirtschaft/boerse/bmw-corona-101.html

xi https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/konjunktur-ifw-prognose-coronavirus-bremst-das-wirtschaftswachstum-aus/25636068.html?ticket=ST-101311-h2LrQUqfWLXgBmZb2eoq-ap4

xii https://www.dw.com/de/corona-wo-kommen-jetzt-die-erntehelfer-her/a-52823349

xiii https://www.tagesschau.de/inland/corona-massnahmen-laender-101.html

xiv https://www.deutschlandfunk.de/rezession-durch-coronakrise-fuer-das-klima-ist-das-nur.697.de.html?dram:article_id=472209

xvhttps://www.news.de/panorama/855833830/wetter-prognose-fuer-sommer-2020-in-deutschland-aktuell-meteorologen-mit-wettertrend-fuer-mai-juni-juli-hitze-duerre-regen/1/

Ein Gedanke zu „Leben im Ausnahmezustand“

  1. Ist das wirklich die selbe Bundesregierung, die bisher Verbote zur Eindämmung der Klimakrise vehement abgelehnt und weder Kohleausstieg noch Tempolimit hinbekommt hat und nun – im Kampf gegen Corona – unsere Freiheit massiv einschränkt, unabhängig davon ob der Kreis einen oder 800 Infizierte hat???

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